Ich habe vor Kurzem das Transkript eines ganzen Konferenztags gelesen, von vorne bis hinten. Drei Leute auf der Bühne, drei Talks, und alle drei sagten dasselbe, ohne es auszusprechen.
Der eine hatte am Wochenende eine App gebaut, ohne je eine Zeile Code geschrieben zu haben. Ein Entwickler hätte ihm zwei bis drei Monate veranschlagt. Der zweite erzählte, dass sich sein Backlog mit 200 guten Ideen füllt und das Bauen nicht mehr das Problem ist. Das Problem ist, zu entscheiden, was davon existieren soll. Der dritte sagte, KI beschleunige nur die Verdrahtung, die schon da ist. Sie ersetze sie nicht.
Alle redeten darüber, wie schnell man heute bauen kann. Niemand redete darüber, wer das Gebaute am Ende wählt.
Wenn Bauen fast nichts mehr kostet
Was früher teuer und verteidigbar wirkte, wird zum Baustein. Ein einzelner Entwickler baut in einer Woche eine Open-Source-Alternative zu einem Produkt, für das andere Jahre gebraucht haben. Und einer Auswertung zufolge, die martech.org zitiert, sind rund 63 Prozent der Menschen, die heute mit Vibe Coding bauen, keine Entwickler:innen. Sie bauen sich, was sie früher gekauft haben.
Das klingt nach dem Ende von Software, wie wir sie kennen. Ganz so einfach ist es nicht.
Vibe Coding senkt die Kosten, etwas zu bauen. Aber nicht die Kosten, falsch zu liegen.
So formuliert es der Investor Forgepoint, und ich finde, das trifft es. Wer sich sein eigenes Tool baut, besitzt auch die Wartung, die Fehler und die Verantwortung dafür. Die meisten Menschen wollen gar keine Software bauen. Sie wollen, dass etwas erledigt ist.
Niemand kauft den Hammer
Das ist kein neuer Gedanke. Niemand wollte je den Hammer. Man wollte das Loch in der Wand und jemanden, der dafür geradesteht, wenn die Wand bröckelt.
Eine Studie der Washington State University von 2024 passt dazu erstaunlich gut: Wenn in einer Produktbeschreibung „künstliche Intelligenz“ steht, sinkt bei vielen die Kaufabsicht, weil das emotionale Vertrauen sinkt. Menschen kaufen keine Technik. Sie kaufen weniger Schmerz.
Der Käufer ändert sich
Gleichzeitig schiebt sich etwas zwischen Anbieter und Mensch. Gartner hat im Hype Cycle für Digital Commerce 2026 Begriffe wie „Agentic Buying“ und „Answer Engine Optimization“ prominent platziert. Es entstehen Protokolle, über die KI-Agenten bezahlen können. Die Zukunft, die da beschrieben wird: Ein Agent sucht, vergleicht und kauft.
Fast alle Zahlen dazu kommen allerdings von Firmen, die an genau dieser Zukunft verdienen. Das macht sie nicht falsch. Aber ich lese sie wie einen Wetterbericht von Leuten, die Regenschirme verkaufen. Und ehrlich gesagt: Niemand weiß, welcher Standard sich durchsetzt.
Was bleibt
- Bauen ist die Eintrittskarte, nicht der Vorsprung.
- Nicht jede Idee bauen, die die KI liefert. Entscheiden, was es wert ist zu existieren. Das ist Strategie.
- Vertrauen und Haltung lassen sich nicht kopieren, auch nicht an einem Wochenende.
- Nicht auf Verdacht umbauen. Erst klären, was du anbietest und wofür du geradestehst.
Eine Frage zum Mitnehmen: Was an deinem Angebot lässt sich nicht an einem Wochenende nachbauen? Wenn dir nichts einfällt, ist das die Spur, der du folgen solltest.